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Mittwoch, den 04. Mai 2011 um 08:23 Uhr
Wasser ist Leben und Kultur, aber auch ein Menschenrecht. Trotzdem leben weltweit immer noch 1,1 Milliarden Menschen ohne direkten Zugang zu sauberem Wasser, 2,6 Milliarden Menschen – und damit mehr als ein Drittel der Weltbevölkerung – haben keinen Anschluss an eine Abwasserversorgung. Ein unhaltbarer Zustand, der nach den UN-Millenniumszielen bis zum Jahr 2015 dauerhaft entschärft werden soll. 80% der Krankheiten in den Ländern des Südens sind auf verunreinigtes Wasser zurückzuführen, jährlich sterben ca. 3 Mio Menschen an dessen Folgen. Hier müsste laut Rainer Schwarzmeier die Bekämpfung von Krankheiten und Seuchen ansetzen.
Dass die Wasserkrise gar nicht so weit weg von uns beginnt, zeigte der Referent am Beispiel des Aralsees zwischen Kasachstan und Usbekistan, des ehemals viertgrößten Binnensees der Welt. Seit den 1960er Jahren verlor der See 90% seines Wasservolumens während sich der Salzgehalt vervierfachte. Wegfall der Fischerei zur Ernährungssicherung der Anwohner, Krankheiten und hohe Kindersterblichkeit unter anderem bedingt durch die Salzablagerungen sind direkte Auswirkungen dieses Seesterbens. Die Ursache dafür ist das Umleiten der Zuflüsse zur künstlichen Bewässerung großer Baumwollfelder.
Auch in anderen Gebieten, so zeigte eine Weltkarte, nehmen weltweit agierende Konzerne und Industrieriesen der Bevölkerung das rare Gut Wasser weg. Zu diesen, eher lokalen Konflikten kommen zwischenstaatliche Auseinandersetzungen um Wasser in Grenzgebieten. Es gibt mittlerweile 2.000 Abkommen zwischen Flussanrainerstaaten, um diese Wasserkonflikte zu entschärfen. Laut einer Prognose des Weltbank-Vizepräsidenten Ismail Serageldin aus dem Jahre 1995 werden im nächsten Jahrhundert Kriege nicht mehr um Öl, sondern um Wasser geführt werden.
Die WHO beziffert den täglichen Wasserbedarf pro Person mit 20 Litern von einer ausgebauten Quelle in max. 1 km Entfernung. Spitzenreiter im Wasserverbrauch sind die USA mit 295 l pro Tag und pro Person, Deutschland ist mit 129 l pro Tag und Kopf sparsamer geworden. Hingegen wird der tägliche Pro-Kopf-Verbrauch beispielsweise in Kamerun mit 5 l beziffert.
Dass diese Verbrauchszahlen nicht den tatsächlichen Wert spiegeln, zeigte Anthony Allen 1995 mit dem Konzept des „virtuellen Wassers“: Laut dessen Berechnung verbrauchen die Deutschen nicht 129 l sondern 4.000 l Wasser täglich pro Kopf, denn für die Erzeugung von Lebensmitteln, Kleidung und Industriegütern wird ebenfalls Wasser verbraucht, das so genannte virtuelle Wasser. So schlagen der Liter Bier mit 300 l, die Tasse Kaffee mit 140 l, ein Mikrochip mit 32 l, ein Hamburger mit 2.400 l und 1 kg Rindfleisch mit 16.000 l Wasser zu Buche, ein Umstand, der Anthony Allen zum Vegetarier werden ließ.
Allerdings können und sollten wir unseren Konsum nicht nur nach der Menge des virtuellen Wassers ausrichten, so der Referent. Zwar werden im Kaffeeanbau 19.000 l Wasser pro 1 kg Röstkaffee benötigt. Wenn der Kaffee im regenreichen Hochland angebaut wird, wie etwa der öko-faire Reutlinger Projektkaffee Pidecafe, stellt dies kein Problem dar. Schwieriger wird es, wenn Robusta-Sorten in trockenen Gebieten in großen, künstlich bewässerten Plantagen angebaut wird. Pestizide und Dünger verschmutzen das Grundwasser und erhöhen damit noch zusätzlich den virtuellen Wasserverbrauch.
Auf ein weiteres verstecktes Problem wies Rainer Schwarzmeier in diesem Zusammenhang hin: Für den Tomatenanbau werden zwischen 10 l und 240 l Wasser pro Kilogramm Tomaten verbraucht. Unsere regionalen Tomaten und übrigens auch die lange verschmähten holländischen verbrauchten eher weniger virtuelles Wasser. Tomaten aus dem südspanischen Almeria, dem „mare del plastico“ – einem „Gewächshaus mit gigantischen Ausmaßen“ am Rande einer der trockensten Region Europas – oder Tomaten aus Italien sind hingegen durchaus problematisch zu bewerten. Die in Tomatenkonserven und Tomatenmark versteckten Früchte würden teilweise durch illegale Pumpanlagen bewässert und verbrauchten bis zu 240 l virtuelles Wasser pro Kilogramm Tomaten.

Dies führte Rainer Schwarzmeier auch zu den Ratschlägen, was wir hier zur Senkung des virtuellen Wasserverbrauchs tun könnten: Lebensmittel bio-regional-saisonal oder bio-fair einkaufen, sparsamer Umgang mit Konsumgütern wie Wegwerfhandys und billigen Klamotten, die nach ein paar Monaten als unmodern entsorgt werden. Für Baumwolle aus konventionellem Anbau werden Unmengen an Wasser benötigt. In jedem T-Shirt stecken 20.000 l virtuelles Wasser. Das Schlusswort der an den Vortrag anschließenden regen Diskussion kam denn auch von einer Zuhörerin, die stolz ihr Baumwollhemd präsentierte, das bereits ihr 1965 verstorbener Vater getragen hatte – eine vorbildliche Wassersparerin.
Die ehemals Freie Reichsstadt wird Faire Handelsstadt!
Verleihung des Titels "Fairtrade Town" am Donnerstag, 3. Mai 2012, 18 Uhr im Rathaus-Foyer.
Anschließend hielt Benjamin Pütter von MISEREOR im Matthäus-Alberhaus den Vortrag "Kinderarbeit in Indien - es gibt Alternativen" (20 Uhr).